Männerkrise  
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Die Wurzel des Übels ist ebenso schnell gefunden, wie mancher Mann zum Jammerlappen greift. Generalverdächtig ist die starke Frau. Die macht ihm Angst, wenn sie zu forsch ist im Bett oder selbst Geld verdient. Die setzt ihn unter Druck, weil er zu Hause nicht nur kunstvoll kochen, sondern öfter auch mal spülen soll. Die kriegt die Kinder und die Alimente, schielt trotzdem noch auf seinen Chefsessel und wird nebenbei Fußballweltmeister, während er noch panisch überlegt, ob er das Prinzip der Abseitsfalle richtig verstanden hat.

Flankiert wird sein Leiden von der Klage mancher Männerforscher und Feuilletonisten, die Emanzipation habe den Dialog zwischen den Geschlechtern zerstört und die glückliche Familie als Grundfeste unserer Gesellschaft gleich mit. Als würde es die Welt oder auch nur ihre kleinste familäre Einheit einen Trippelschritt weiterbringen, wenn der Mann versucht, noch lauter zu lamentieren als das weibliche Gegenüber. Dabei konnten die Jungs es doch immer am wenigsten leiden, wenn irgendwo jemand heulte.

Kommentar zur Identitätskrise des neuen Mannes.
In: Welt am Sonntag, 12/2008

 
       
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Er trägt seinen besten Anzug und er ist zu früh dran. Stephan Wrage wartet in der Eingangshalle einer Reederei, es ist ein gediegener Ziegelbau am Hafen des ostfriesischen Leer. Jeder Stein hier steht für Tradition. In einem Mäppchen hat Wrage seine Berechnungen dabei; ihm geht es um eine Revolution. er will die Antriebstechnologie der Seefahrt neu erfinden. Er will den dreckigen Schiffsdiesel zu mindestens einem zehntel durch sauberen Wind ersetzen. Er will Riesenfrachter von hoch über dem Deck schwebenden Lenkdrachen über die Ozeane ziehen lassen. Er hat vergeblich bei all den Firmen vorgesprochen, die Risikokapital vergeben und die beim Crash der New Economy viel Geld verbrannt haben. Er ist 31 Jahre alt zu diesem Zeitpunkt und ziemlich pleite.

Und jetzt kommt dieser Herr in der Reederei auf ihn zu. Jan Luiken Oltmann, 78 Jahre, Schiffsfinanzierer. Ein schweigsamer Friese, der auf Investitionen von mehr als eine Milliarde Euro zurückblickt. Nimmt Frage mit nach oben ins kirschbaumgetäfelte Konferenzzimmer und lässt ihn reden. Ihn allein. Längst hätten nun die anderen Experten zu dem Termin hinzukommen sollen, Steuerberater, sogar Kapitäne. Sie müssen warten.

Reportage über junge Öko-Unternehmer als moderne Revolutionäre. In: Neon, Oktober 2006


 
       
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Beherzt greift Ikuo Souta in das klein gehäckselte Getreide, das dicht gepresst in großen Massen unter einer Plastikplane lagert, führt ebenso entschlossen seine Hand zur Nase und holt sehr tief Luft. "Sehen Sie, es riecht nicht schlecht", frohlockt Gerd Paffenholz und fügt eine Erklärung hinzu, die dem Japaner möglicherweise noch exotischer erscheint als alles, was er bisher in Paffenholz' Heimatdorf gehört und gesehen hat: "Das ist wie beim Sauerkraut".

Professor Souta, Bakterienspezialist aus Shizuoka, hat von Jühnde in Niedersachsen gelesen und ist angereist, um sich von Gerd Paffenholz, Rentner, dessen neue Welt zeigen zu lassen. Das Dorf, zwölf Kilometer von Göttingen entfernt, ist umgeben von Feldern und grasendem Vieh. Eine kleine Ansammlung von Fachwerkhäusern, Höfen, bescheidenen Neubauten. 775 Menschen leben dort. Auf einem Hügel am Dorfrand thront stolz der Fortschritt, der Jühnde eine Homepage auf Englisch und Japanisch beschert: Zwei Riesenkübel mit kuppelförmigen Foliendächern, die in der Sonne glänzen. Ein Ensemble, das die Dorfbewohner knapp, aber nicht ohne Stolz, "unsere Anlage" nennen.

"Ein Dorf macht es vor": Reportage über einen Ort, der seine komplette Energie aus einer eigenen Biogas-Anlage bezieht. In: Greenpeace-Magazin 6/06

 
       
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Dann verdrückt sich die Stadt. Geklinkerte Speicher tauchen auf, ein Heizkraftwerk fliegt vorüber, drei dürre Schornsteine, ein rußiger Kohleberg. Dazwischen matt glänzende Schienenstränge, Container, Kräne, ein paar Waggons. Menschen gibt es keine. Rechts das trübe Wasser des Kanals, links der Schlospark Charlottenburg, kahle Bäume im Wintergrau.

Langsam nähert sich die Autobahn. Taucht mit leisem Rauschen in der Ferne auf und kommt lärmend heran. Schmiegt sich für eine Weile an die Seite der Bahn und nimmt sie schließlich in die Zange. Rechts ein Automeer in die andere Richtung. Dazwischen die Bahn.

Hoch oben neben der Straße thront das Internationale Congress Centrum. Ein angegrautes Ufo: Zu schwer um abzuheben, erzählt es gleichsam vom Traum der grenzenlosen Mobilität. Stur hockt es am Straßenrand und wacht mit strenger Miene über die Ströme der Stadt. Wolken ziehen vorüber. Autos fahren vorbei. Menschen werden von ihm aufgenommen und wieder ausgespuckt.

Reportage aus der Berliner Ringbahn, in "Freitag", 6/2007

 
       
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