Wahrscheinlich waren es nur Sekunden. Höchstens eine Minute. Aber war das wichtig? Kees Aerts jedenfalls wird später sagen, allein dieses Highlight sei die 550 Kilometer weite Anfahrt aus dem niederländischen Den Helder ins kleine Barsbek in Schleswig-Holstein nahe der Ostsee wert gewesen.
Es war der dritte Tag in der Woche, in der Kees Aerts eingeteilt war, die junge Seeadlerfamilie zu bewachen.
Morgens um sechs montiert er die beiden Fernrohre am Wegrand hinter der Brombeerhecke auf die Stative. Krähen krakeelen, der Kuckuck ruft, ein Fasan hustet. Durch die 40-fache Vergrößerung des Spektivs sieht Aerts, dass nichts los ist drüben in den Pappeln: Der 51 Tage junge Seeadler hat sich in der Horst-Mulde verkrochen, die Eltern sind ausgeflogen. Kees Aerts, 48, ist ein entspannter Mann. die schräg stehenden Augen verleihen ihm etwas Melancholisches. Er setzt sich auf einen weißen Plastikstuhl. Die Sonne wirft lange Schatten über die Wiese. Der Holunder duftet. Unterm Horst grasten toastbraune Kühe. Aerts geht frühstücken. In seinem Wohnwagen brüht er sich Kaffee zu drei Tage alten Rosinenbrötchen.
"Das Wunder von Barsbek": Reportage über einen bewachten Nistplatz von Seeadlern. In Greenpeace-Magazin 05/07